spritze_lizenzfreiSeit längerer Zeit wird auf St. Pauli ein verstärkter Drogenkonsum beobachtet. Einige Anwohner und auch die Arbeitsgemeinschaft Drogen der Initiative „St. Pauli selber machen“ wenden sich seit dem Auftreten dieses  Problems an die Öffentlichkeit.

In diesem Zusammenhang veröffentlichte ZEIT ONLINE am 9. Juni 2016 einen sogenannten Notruf aus dem Stadtteil St. Pauli. Dabei zitiert der Newsletter „Elbvertiefung“ Jonny Schanz von der Arbeitsgemeinschaft Drogen der Initiative „St. Pauli selber machen“ mit folgenden Worten: „Es braucht wieder Hilfsangebote für Konsumenten auf St. Pauli.“ Er fordert damit einen Raum, in dem Abhängige ihren Stoff betreut konsumieren können. Derzeit sei das Angebot nicht mehr da, wo die Szene sei. Anwohner hätten laut Schanz berichtet, dass der harte Konsum auf der Straße wieder ansteige. Es gebe, so Schanz, „ganze Straßenzüge, in denen Menschen in Hauseingängen und Treppenhäusern sitzen und Spritzen aufziehen und Crackpfeifen stopfen. Und es liegen wieder Spritzen auf Spielplätzen rum.“

Ursache, so mutmaßt ZEIT ONLINE auf Grundlage der Informationen von Jonny Schanz: Der Umzug der Einrichtung „Stay Alive“, einer Drogenberatungsstelle samt Konsumraum, von der Davidstraße nach Altona im Jahr 2012 habe eine große Lücke gerissen.

Diese Auffassung teilt die Hamburgische Landesstelle für Suchtfragen so nicht, sondern möchte gern etwas differenzierter auf die Situation im Umfeld der Reeperbahn eingehen. Der Träger Jugendhilfe e.V. ist seit 25 Jahren der Betreiber des Stay Alive. Christine Tügel, Vorstand von Jugendhilfe e. V., erläutert ihre Sicht auf die Situation:

Auch die Erfahrung von Jugendhilfe e.V. zeigt, dass eine öffentlich sichtbare Zunahme von Drogenabhängigen im Umfeld der Reeperbahn wahrgenommen wird. Dies ist für die Anwohner bedrückend und jeder kann ihre Sorgen verstehen. Allerdings gibt es keinen ersichtlichen Zusammenhang zwischen der aktuellen Situation auf St. Pauli und dem 2012 erfolgten Umzug des Stay Alive von der Davidstraße an den neuen Standort in Altona-Altstadt.“

Stay Alive deckt Bedarf im Wesentlichen ab

Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass Jugendhilfe e.V. mit dem Stay Alive nach wie vor die DrogenkonsumentInnen aus St. Pauli und sogar noch mehr Menschen als am alten Standort in der Davidstraße erreicht. Der neue Standort liegt nur wenige hundert Meter vom alten entfernt und wurde bewusst so gewählt, damit die St. Paulianer nicht „verlorengehen“. Das Stay Alive am Standort Virchowstraße wird sehr gut angenommen. Die Nutzung der Drogenkonsumräume ist im Jahr 2015 gegenüber 2012 (letztes Betriebsjahr am Standort Davidstraße) um 60,63 % gestiegen. Die Anzahl der getauschten Spritzen ist im Jahr 2015 gegenüber 2012 um 36,4 % gestiegen. Damit entlastet das Stay Alive den Stadtteil St. Pauli erheblich.

Tügel sieht die Ursachen der veränderten Situation im Stadtteil vielmehr darin, dass die Präsenz von Dealern stark angewachsen ist: „Es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen Angebot und Nachfrage, das heißt die massive Präsenz von Dealern auf St. Pauli und die hohe Verfügbarkeit von Drogen – speziell Kokain – führt dazu, dass DrogenkonsumentInnen vermehrt zum Kaufen dorthin kommen.“

Um der Situation zu begegnen, hat Jugendhilfe e.V. seit September 2014 deshalb ein „Tandem“ für Straßensozialarbeit (Straso) auf St. Pauli aus seinen Einrichtungen Drob Inn (St. Georg) und Stay Alive (Altona-Altstadt) gebildet. Ziel war es, sich zunächst einen Überblick über die Situation auf St. Pauli zu verschaffen. Hierfür wurde eine feste Route festgelegt (u. a. Talstraße, Simon-von-Utrecht-Straße (inkl. Weg hinter dem Kundenzentrum), Hamburger Berg, Seilerstraße, Reeperbahn, Silbersackstraße, Balduinstraße, Bernhard-Nocht-Straße, Davidstraße). Dokumentiert wurde in diesem Rahmen die Anzahl der sichtbaren Drogenabhängigen, ob diese den beiden Einrichtungen bekannt oder unbekannt sind, ob offener Drogenkonsum stattfindet, ob Drogenkonsumutensilien herumliegen sowie sonstige Auffälligkeiten. Die Straso findet bis heute regelmäßig drei bis viermal wöchentlich statt, neben Beratung bietet Jugendhilfe e.V. einen mobilen Spritzentausch an und die KollegInnen sammeln herumliegende Spritzen, sofern sie welche vorfinden, ein.

Jugendhilfe e.V. kann aus seiner Erfahrung heraus die von Jonny Schanz in der „Elbvertiefung“ beschriebenen Zustände nicht bestätigen.

Tügel: „Natürlich gibt es – wie in St. Georg – auch auf St. Pauli öffentlichen Drogenkonsum, aber nach dem Kenntnisstand von Jugendhilfe e.V. nutzt die Mehrheit der Drogenabhängigen auf St. Pauli die vorhandenen Drogenkonsumräume. Dies kann Jugendhilfe e.V. vor dem Hintergrund, dass die im Rahmen der Straso angetroffenen und der offenen Drogenszene zuzurechnenden DrogenkonsumentInnen zu 99 % Besucherinnen und  Besucher der Einrichtungen Stay Alive und Drob Inn sind, seriös feststellen. Auch kann Jugendhilfe e.V. feststellen, dass es seit Jahresbeginn einen deutlichen Rückgang in den oben genannten Straßen St. Paulis und eine deutliche Zunahme im Nobistor-Park gibt.“

Aus Sicht von Jugendhilfe e.V. ist daher fraglich, ob die von einigen geforderte Einrichtung eines Drogenkonsumraums auf dem Kiez tatsächlich sinnvoll ist. Ein Drogenkonsumraum richtet sich in der Regel an Menschen, die schon lange in der Suchtspirale stecken, nicht jedoch beispielsweise an Partygänger und Erstkonsumenten. Erstere werden bereits vom Stay Alive und Drob Inn erreicht. An der massiven Präsenz der Dealer auf St. Pauli würde ein Drogenkonsumraum auch nichts ändern. Auch in den vergangenen Jahren hat es auf St. Pauli immer wieder Phasen von verstärkt öffentlich wahrnehmbarem Drogenkonsum gegeben und dies, obwohl das Stay Alive zu dieser Zeit in der Davidstraße präsent war.

Aktuell gibt es die Situation, dass im Nobistor-Park offener Drogenkonsum stattfindet und das nur 200 Meter vom Stay Alive entfernt. Der Nobistor-Park gehört aufgrund dieser Entwicklung seit längerer Zeit zur festgelegten Straso-Route, dort befindet sich eine Platte, u. a. von obdachlosen Drogenabhängigen. Die Platte wurde am 9. Juni 2016  geräumt, wenige Stunden später lagen bereits wieder acht Matratzen da und es waren drei Drogenabhängige, die auch das Stay Alive nutzen, vor Ort. Dieses Beispiel zeigt aus Sicht von Jugendhilfe e.V. sowie der Hamburgischen Landesstelle für Suchtfragen, dass offener Drogenkonsum nie ganz verhindert werden kann – egal wie kurz der Weg zum Drogenkonsumraum ist.

Christine Tügel, Vorstand von Jugendhilfe e.V., sowie Cornelia Mertens, stellvertretende Vorsitzende der Hamburgischen Landesstelle für Suchtfragen e.V., erklären abschließend: „Ein Versuch zur Verbesserung der Lage könnte eine Ausdehnung der Öffnungszeiten des Stay Alive in die Abendstunden sein. Das ist jedoch immer eine Frage der Ressourcen und die stoßen aufgrund mangelnder Ausfinanzierung an ihre Grenzen. Bislang hat das Stay Alive unter der Woche bis 19 Uhr geöffnet. Am Wochenende sowie in den Abendstunden gibt es bislang eine Lücke im Angebot.“

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