Gastbeitrag von Dr. Bert Kellermann:

Die Begriffe „Habsucht“ und „Größenwahn“ sind weit eher in den Printmedien (bspw. im Zusammenhang mit der HSH-Nord-Bank, den Hamburger Reedern und den Paradise-Papers) als in psychiatrischen Veröffentlichungen zu finden.

Zum Hintergrund: Nach Medienberichten (bspw. über die Oxfam-Studie) hat sich insbesondere in den letzten Jahren bei einigen Menschen ein extremer Reichtum entwickelt; dadurch ist die Vermögensverteilung („Kluft zwischen Armut und Reichtum“) extrem ungleich geworden. Diese erheblichen Veränderungen im Finanzsystem könnten auch Auswirkungen auf das Gemeinwohl, u. a. auf das Gesundheitssystem, insbesondere im psychosozialen Bereich, haben. Sie sind kennzeichnend für unsere derzeitige konsum- und eventorientierte („kurzsichtige“) Kultur-Epoche, in der das gegenwärtige „Wirtschaftswachstum“ durch möglichst ungeregelten Handel und umfangreichen Konsum als zentrale Werte gelten.

Das Phänomen „Superreichtum“ bzw. „Habsucht“ kann einerseits wie auch ein nicht durch eine Manie bedingter Größenwahn als dissoziales, parasitäres Denken und gieriges Verhalten, d. h. als „Laster“ aufgefasst werden. Andererseits ist dieses Denken und Verhalten nicht vorwerfbar, wenn es als krankhaft zu bezeichnen ist, d. h. wenn sowohl extremer Reichtum bzw. „Habsucht“ als auch „Größenwahn“ Folgen bzw. Symptome sind von als krankhaft einzuordnenden Persönlichkeitsentwicklungen, die vergleichbar sind mit Suchtentwicklungen wie Alkoholabhängigkeit, Glücksspielsucht oder Kaufsucht und die deshalb als „Krankheit“ aufzufassen sind. Zudem bestehen bei Größenwahn phänomenologische Parallelen zu der Entwicklung eines induzierten religiösen Wahns (ICD-10 F24).

Seit ca. 50 Jahren ist die Zahl der süchtig gewordenen Mitbürger extrem hoch (vermutlich einmalig in der europäischen Geschichte!), zumal immer wieder weitere Suchtmittel und Suchtformen hinzugekommen sind. Offensichtlich wird dieser katastrophale Zustand derzeit als unveränderbar angesehen.

Suchttherapeutische Hilfe und psychosoziale Sucht-Prävention sind weiterhin vor allem von der Finanzierung durch die Krankenkassen abhängig, die allerdings nur bedingt zahlen (bspw. bei Ess-Sucht/Adipositas ausschließlich im Extremstadium, dann für eingreifende bariatrische Operationen). Früher sehr seltene Suchtformen wie Kaufsucht (d. h. ungesteuertes, impulsives Kaufen von Sachen, die dann nicht oder kaum benutzt werden) sind relativ häufig geworden. Besonders bei Glücksspielsucht, Kaufsucht, Ess-Sucht und Sammelsucht (d. h. gieriges Sammeln bspw. von Briefmarken, Münzen, Kunstwerken, Büchern etc. als Selbstzweck) bestehen erhebliche Ähnlichkeiten oder Gemeinsamkeiten im Denken und Verhalten wie bei Habsucht und Größenwahn. Allerdings wird Suchtproblematik immer noch oft bagatellisiert oder skotomisiert, auch im Gesundheitssystem.

In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts bestand u. a. in Hamburg eine massive Alkoholismus-Problematik. 1904 veröffentlichte Dr. Max Nonne, einer der medizingeschichtlich bedeutendsten Hamburger Ärzte, damals Oberarzt am Allgemeinen Krankenhaus Eppendorf, seine Schrift „Stellung und Aufgaben des Arztes in der Behandlung des Alkoholismus“, die die wesentlichen Merkmale des damaligen suchttherapeutischen Hilfesystems darstellt und mehrere überraschend moderne Einsichten enthält. Damals arbeitete er bereits seit 9 Jahren in der sog. Alkoholistenabteilung des Allgemeinen Krankenhauses Eppendorf, die etwa 600 Zugänge pro Jahr hatte. Nonne schrieb: „Auf die früher viel umstrittene Frage, ob die ‚Trunksucht’ ein Laster oder eine Krankheit sei, will ich hier nicht näher eingehen; die ärztliche Wissenschaft kann den Trunksüchtigen nur als Kranken bezeichnen, und die Sachkenner sind sich in dieser Auffassung jetzt jedenfalls einig. Man weiß jetzt, dass die Trunksüchtigen kranke Menschen sind, und zwar in dem Sinne krank, dass sie die Willenskraft verloren haben und unfähig sind, beim Trinken innerhalb der Grenzen zu bleiben, die mit dem Namen ‚mäßig’ noch heute allgemein bezeichnet werden.“ Die erfahrungsbasierte ärztliche Einstellung von Dr. Nonne zur Suchtproblematik kann immer noch als aktuell bezeichnet werden. Damals konnte die Suchtproblematik erheblich reduziert werden. Im Kontrast dazu: Die derzeitige hochgradige Suchtproblematik („Suchtepidemie“) besteht bereits seit über 50 Jahren und ist zur wenig reflektierten Tatsache geworden, die anscheinend als unveränderbar hingenommen wird.

Seit dem erheblichen diagnostischen Rückschritt durch die ICD-10 bzw. das DSM-III – Sucht gilt seither lediglich als Störung durch den Konsum von psychotropen Substanzen („war on drugs“) – war u. a. der Suchtbegriff des Psychiatrie-Professors Wanke (1987) verbreitet: „Sucht ist das unabweisbare Verlangen nach einem bestimmten Erlebniszustand. Diesem Verlangen werden die Kräfte des Verstandes untergeordnet. Es beeinträchtigt die freie Entfaltung einer Persönlichkeit und zerstört die sozialen Bindungen und die sozialen Chancen eines Individuums …“

Cum grano salis trifft diese Sucht-Definition auch auf Habsucht und Größenwahn zu. Denn wie einem Drogensüchtigen geht es vermutlich auch dem habsüchtig bzw. größenwahnsinnig gewordenen Menschen um den „besonderen Erlebniszustand“, um den „Kick“, um die Euphorie. Unbeirrt wie Sisyphos versucht er immer wieder, doch endlich den ersehnten Erlebniszustand nicht nur für Momente zu erreichen, ohne Rücksicht auf seine Ratio.

Sucht ist wie ein induzierter Wahn die Folge einer dysfunktionalen psychischen Entwicklung, einer Persönlichkeitsveränderung, die oft bereits in der Jugend begonnen hat und die maligne verlaufen kann. Ein Beispiel: Insbesondere durch Mohamed Atta und den 11. September 2001 bzw. durch den Begriff „Hamburger Zelle“ wird deutlich: das gleichzeitige Bestehen von induziertem religiösen Wahn und Größenwahn ist hochgradig maligne. Deshalb ist offensichtlich die – auch suchtpsychiatrische – Frühintervention inclusive therapeutischer Konfrontation bei der Entwicklung von süchtigem Denken und Verhalten von entscheidender Bedeutung. Bagatellisierung, Toleranz oder Skotomisierung sind dann unbedingt kontraindiziert. Die Renaissance des klassischen Suchtbegriffs (vor DSM-III und ICD-10) könnte hilfreich sein.

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