Jährlich am 21. Juli wird seit mittlerweile 21 Jahren weltweit der Drogentoten gedacht. In Hamburg findet anlässlich dessen seit einigen Jahren regelmäßig eine Mahnwache mit Reden, Schweigeminute und der Auslegung von Fotos sowie dem Entzünden von Kerzen statt.

In diesem Jahr wurde die Mahnwache am 19. Juli vor dem Museum für Kunst und Gewerbe durchgeführt und in Gemeinschaft von den Einrichtungen ragazza e.V., Palette e.V., freiraum hamburg e.V., Therapiehilfe e.V. und der Hamburgischen Landesstelle für Suchtfragen e.V. (HLS) organisiert.

Für die HLS hielt die stellvertretende Vorsitzende Cornelia Kost eine Rede, die hier nachfolgend im Wortlaut veröffentlicht wird. Rund um die Gedenkveranstaltung ergaben sich erfreulicherweise zahlreiche gute Gespräche und viele Passantinnen und Passanten zeigten Interesse.

Rede von Cornelia Kost am 19.Juli 2019 im Rahmen der Mahnwache:

„Am 21. Juli 1998 fand erstmals der internationale Gedenktag für verstorbene Drogengebraucher_innen statt. 2019 jährt er sich somit zum 21. Mal, er findet in über 60 Städten in Deutschland statt.
Motto 2019: „Gesundheit und Überleben gibt es nicht zum Nulltarif“
Schirmherr ist Dr. Albrecht Ulmer, Stuttgart, Substitutionsarzt & Träger des Bundesverdienstkreuz

Der Hamburger Gedenktag und die Mahnwache wird organisiert von den Einrichtungen ragazza e.V., Palette e.V., freiraum hamburg e.V., Therapiehilfe e.V. und der Hamburger Landesstelle für Suchtfragen (HLS).

Nach der Hamburger polizeilichen Kriminalstatistik stirbt in Folge von illegalem Rauschmittelkonsum alle 5 Tage ein Mensch:
2016 75 Menschen
2017 60 Menschen
2018 71 Menschen
Die Zahlen sind 2019 wieder angestiegen und noch immer auf einem erschreckend hohen Niveau.

Die Gründe für das Sterben sind vielfältig. Bei rund der Hälfte der Todesfälle ist es eine Überdosis an Heroin oder Morphin. Weitere Gründe sind die Konsumdauer, Begleiterkrankungen und gefährlicher Mischkonsum. Viel tragen auch die Bedingungen des illegalen Marktes dazu bei, denn der Reinheitsgrad der Drogen ist fast immer unbekannt. So kann die Reinheit von Heroin zwischen 6 und 60 % schwanken – ein kleiner Schritt zwischen Rausch und Tod. In rund einem Drittel der Todesfälle gab es Versuche, die Menschen zu retten. Das spricht dafür, das verschreibungspflichtige Notfallmedikament Naloxon auch an Laien abzugeben.

Jeder einzelne Todesfall verpflichtet uns, Menschen noch besser vor den Gefahren von Drogen zu schützen und sie vor den oftmals tödlichen Folgen ihres Drogenkonsums zu retten. Drogenabhängigkeit ist eine Krankheit, Kranke brauchen Hilfe und keine Stigmatisierung. Hierzu bedarf es einer vernünftigen finanziellen Ausstattung der Drogen- und Suchthilfelandschaft in Hamburg, um das gute Angebot aufrecht erhalten zu können.

Gleichzeitig ist es uns ein Anliegen zu verdeutlichen, dass nicht nur durch illegale Drogen, sondern vor allem auch durch Alkohol und Nikotin jährlich in Deutschland mehrere tausend Menschen ihr Leben verlieren. Auch durch den Einfluss von Alkohol im Straßenverkehr kommen jedes Jahr viele Menschen um.

Wir wollen uns jetzt an die Menschen erinnern, die sonst nur in Statistiken oder Schreckensmeldungen der Presse auftauchen. Es geht um die Menschenwürde der Drogengebraucher_innen, um konkrete Menschen mit Namen und Gesicht, mit einer Stimme, die sie hatten, mit einer ganz eigenen Geschichte – es geht um konkrete Menschen mit Freund_innen, Partner_innen und Angehörigen.

Der Älteste wurde nur 66 Jahre alt und die Jüngste wurde nur 32 Jahre alt.

Abrigado

Matthias, verstorben Ende Oktober 2018
Mirko G., verstorben 06. November 2018
Hinnerk, verstorben April 2019
Stefan E., verstorben April 2018

Enne 56

Ragazza

Bente W. 39
Nicole S. 32
Bibi K. 48
Betty 43
Ricarda P. 50
Blanca H. 44
Franziska H. 32

Therapiehilfe

René H. 54
Roger S. 61
Thorsten V. 56
Oliver Z. 47
Dieter L. 65
Meike S. 53
Jan G. 51
Johannes S. 66
Nils K. 56

Zum Abschluss der Andacht folgt Vers 50 aus dem Gedicht „Grashalme“ von Walt Whitman.
……

Es gibt etwas in mir – ich weiß nicht, was es ist – aber ich weiß, es ist in mir;

Verrenkt und schweißig, – still und kühl wird dann mein Leib.

Ich schlafe. – Ich schlafe lange.

Ich kenne es nicht – es ist ohne Namen – es ist ein unausgesprochenes Wort,

Es findet sich in keinem Wörterbuch, keiner Äußerung, keinem Symbol.

Um irgend etwas dreht es sich, das mehr ist als meine Erde;

Sein Freund ist die Schöpfung, deren Umarmung mich erweckt.

Vielleicht könnte ich mehr sagen. Umrisse!

Ich flehe für meine Brüder und Schwestern. Seht ihr nicht meine Brüder und Schwestern?

Es ist nicht Chaos oder Tod – es ist Gestalt, Einheit, Bestimmung; es ist ewiges Leben – Glückseligkeit.

……

Schweigeminute“

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