• Förder-Aus nach Jahrzehnten: Sozialbehörde schwächt unabhängige Interessenvertretung der Suchthilfe

    Förder-Aus nach Jahrzehnten: Sozialbehörde schwächt unabhängige Interessenvertretung der Suchthilfe

    Sozialbehörde will institutionelle Förderung der Hamburgischen Landesstelle für Suchtfragen nach Jahrzehnten beenden – HLS warnt vor nachhaltiger Schwächung der fachpolitischen Interessenvertretung

    Hamburg, 26. August 2026. Die Hamburgische Landesstelle für Suchtfragen e. V. (HLS) soll ab 2027 keine institutionelle Förderung der Sozialbehörde mehr erhalten. Das hat die Behörde der HLS nun schriftlich mitgeteilt. Die bislang zuwendungsfinanzierten operativen Aufgaben sollen künftig von der Sucht.Hamburg gGmbH übernommen werden. Für die HLS bedeutet die Neuordnung den Verlust ihrer hauptamtlichen Geschäftsstelle – und damit eine erhebliche Schwächung ihrer Rolle als unabhängige Interessenvertretung der Hamburger Suchthilfe.

    Seit 1949 bündelt die HLS die Interessen und die fachliche Expertise der Hamburger Suchthilfe. Heute sind 38 Organisationen und Einrichtungen in ihr zusammengeschlossen. Die Landesstelle vernetzt Träger und Fachkräfte, moderiert unterschiedliche Interessen, organisiert den trägerübergreifenden fachlichen Austausch und vertritt gemeinsame Positionen gegenüber Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit.

    Die Sozialbehörde teilte der HLS nun per E-Mail mit: „Ziel ist es, dass die operativen und zuwendungsfähigen Aufgaben künftig von Sucht.Hamburg gGmbH übernommen/fortgeführt werden. Vor diesem Hintergrund wird der vorliegende Zuwendungsantrag der HLS – in dieser Form – in den nächsten Wochen mit einem Ablehnungsbescheid beschieden.“

    Damit steht ein intensiver Prozess vor dem Abschluss, der bereits 2024 begonnen hatte. Damals hatte die HLS die Sozialbehörde darauf hingewiesen, dass die bestehende Finanzierung nicht ausreicht, um die Arbeit der Landesstelle dauerhaft auskömmlich zu finanzieren. Statt einer finanziellen Stabilisierung folgt nun das Ende der institutionellen Förderung.

    Ohne Geschäftsstelle fehlt der unabhängigen Interessenvertretung die Grundlage

    Bislang erhält die HLS jährlich 49.500 Euro institutionelle Förderung. Für eine auskömmliche Finanzierung wären nach Berechnungen der Landesstelle rund 70.000 Euro erforderlich. Mit dem Wegfall der Förderung entfallen die hauptamtliche Geschäftsstelle nebst Geschäftsführung mit 20 Wochenstunden sowie weitere 7,5 Wochenstunden für Verwaltung.

    Die HLS  wird damit faktisch auf ihre ehrenamtlichen Vereinsstrukturen zurückgeworfen.

    „Eine Interessenvertretung von 38 Organisationen kann nicht dauerhaft nebenbei geleistet werden. Ohne ausreichende hauptamtliche Ressourcen besteht die Gefahr, dass eine über Jahrzehnte  gewachsene fachpolitischen Stimme an Einfluss verliert“, erklärt Bianca Kunze, Vorsitzende der Hamburgischen Landesstelle für Suchtfragen. „Gerade in der Suchtpolitik braucht Hamburg  eine starke Interessenvertretung, die unterschiedliche Perspektiven zusammenführt, fachliche  Position entwickelt und diese gegenüber Politik und Verwaltung selbstbewusst vertritt – auch dann, wenn es unbequem wird.“

    Die geplante Übertragung von Aufgaben auf die Sucht.Hamburg gGmbH kann diese Funktion nach Auffassung der HLS nicht ersetzen. Zwar ist Sucht.Hamburg eine hundertprozentige Tochtergesellschaft der HLS. Als operative Fachgesellschaft erfüllt sie jedoch eine andere Funktion als ein unabhängiger, mitgliedschaftlich organisierter Interessenverband.

    Mehr als Verwaltung: Fachforen, Vernetzung und gemeinsame Positionen

    Was auf dem Spiel steht, zeigt ein Blick auf die konkrete Arbeit der Landesstelle. Unter ihrem Dach kommen regelmäßig Fachkräfte und Träger im Fachforum Sucht sowie in spezialisierten Arbeitskreisen und Qualitätszirkeln zusammen. Die HLS schafft Räume, in denen fachliche Entwicklungen diskutiert, unterschiedliche Positionen moderiert und gemeinsame Anliegen der Hamburger Suchthilfe entwickelt werden.

    Hinzu kommen die Information von Politik und Öffentlichkeit, Stellungnahmen zu suchtpolitischen Fragen, die Begleitung von Projekten und Veranstaltungen sowie die Vertretung der Suchthilfe in weiteren fachlichen Zusammenhängen.

    Diese Arbeit lebt nicht allein von einzelnen Projekten. Sie braucht eine kontinuierlich erreichbare Geschäftsstelle, institutionelles Wissen und vor allem die Freiheit, Themen unabhängig von einzelnen Förderaufträgen zu setzen.

    „Die Landesstelle ist keine Ansammlung von Aufgaben, die sich beliebig verschieben lassen“, sagt Sarah Kessler, Geschäftsführerin der HLS. „Ihre eigentliche Stärke entsteht daraus, dass sie unabhängig vernetzt, moderiert und Position bezieht. Wenn dafür keine u.a. personellen Ressourcen mehr vorhanden sind, bleibt der Verein zwar formal bestehen – seine Möglichkeiten, die Interessen der Hamburger Suchthilfe wirksam zu vertreten, werden aber massiv eingeschränkt.“

    Ausgerechnet jetzt die unabhängige Struktur schwächen?

    Die Entscheidung fällt in eine Zeit, in der sich die Hamburger Suchthilfe mit komplexen Herausforderungen auseinandersetzen muss: steigende Prävalenzen von psychischen Störungen, insbesondere Abhängigkeitserkrankungen, sich stark verändernde Konsummuster und Substanzen bis hin zu den Formen der Verhaltenssucht wie Computerspiel- oder Social-Media-Nutzungsstörung.

    Gerade unter diesen Bedingungen braucht Hamburg nach Auffassung der HLS eine starke, trägerübergreifende und unabhängige fachpolitische Instanz. Die Interessen von Suchthilfe, Selbsthilfe und Prävention müssen gebündelt werden können – auch und gerade dann, wenn ihre fachlichen Einschätzungen nicht mit den Positionen der Verwaltung übereinstimmen.

    Die HLS sieht durchaus Chancen darin, künftig  noch unabhängiger von der Sozialbehörde agieren zu können. Unabhängigkeit ohne Ressourcen bleibt aber theoretisch. Eine professionelle Interessenvertretung allein aus Mitgliedsbeiträgen und ehrenamtlicher Arbeit auf dem bisherigen Niveau fortzuführen, ist sehr schwer realisierbar.

    Hinzu kommt: Der seit 2024 laufende Prozess hat bereits erhebliche Kapazitäten gebunden. Statt diese Ressourcen für fachliche Arbeit, Vernetzung und die Weiterentwicklung der Hamburger Suchthilfe einsetzen zu können, musste sich die Geschäftsstelle und der Vorstand über Monate mit Verhandlungen, Anträgen und der organisatorischen Zukunft der eigenen Struktur beschäftigen.

    „Bürokratie darf fachliche Arbeit nicht auffressen“, so Kessler. „Wir haben diesen Prozess konstruktiv begleitet. Jetzt müssen wir feststellen, dass an seinem Ende ausgerechnet die Struktur geschwächt wird, die seit Jahrzehnten dafür sorgt, dass die vielfältigen Stimmen der Hamburger Suchthilfe gemeinsam Gehör finden.“

    Die HLS wird ihre Arbeit als Interessenverband fortsetzen. Wie dies nach dem Wegfall der institutionellen Förderung personell und organisatorisch möglich sein wird, ist derzeit offen.

    Pressekontakt für Rückfragen:

    Vorstandsvorsitzende Bianca Kunze, 0176 13068841 oder bianca.kunze@jhj.de