• Förder-Aus nach Jahrzehnten: Sozialbehörde schwächt unabhängige Interessenvertretung der Suchthilfe

    Förder-Aus nach Jahrzehnten: Sozialbehörde schwächt unabhängige Interessenvertretung der Suchthilfe

    Sozialbehörde will institutionelle Förderung der Hamburgischen Landesstelle für Suchtfragen nach Jahrzehnten beenden – HLS warnt vor nachhaltiger Schwächung der fachpolitischen Interessenvertretung

    Hamburg, 26. August 2026. Die Hamburgische Landesstelle für Suchtfragen e. V. (HLS) soll ab 2027 keine institutionelle Förderung der Sozialbehörde mehr erhalten. Das hat die Behörde der HLS nun schriftlich mitgeteilt. Die bislang zuwendungsfinanzierten operativen Aufgaben sollen künftig von der Sucht.Hamburg gGmbH übernommen werden. Für die HLS bedeutet die Neuordnung den Verlust ihrer hauptamtlichen Geschäftsstelle – und damit eine erhebliche Schwächung ihrer Rolle als unabhängige Interessenvertretung der Hamburger Suchthilfe.

    Seit 1949 bündelt die HLS die Interessen und die fachliche Expertise der Hamburger Suchthilfe. Heute sind 38 Organisationen und Einrichtungen in ihr zusammengeschlossen. Die Landesstelle vernetzt Träger und Fachkräfte, moderiert unterschiedliche Interessen, organisiert den trägerübergreifenden fachlichen Austausch und vertritt gemeinsame Positionen gegenüber Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit.

    Die Sozialbehörde teilte der HLS nun per E-Mail mit: „Ziel ist es, dass die operativen und zuwendungsfähigen Aufgaben künftig von Sucht.Hamburg gGmbH übernommen/fortgeführt werden. Vor diesem Hintergrund wird der vorliegende Zuwendungsantrag der HLS – in dieser Form – in den nächsten Wochen mit einem Ablehnungsbescheid beschieden.“

    Damit steht ein intensiver Prozess vor dem Abschluss, der bereits 2024 begonnen hatte. Damals hatte die HLS die Sozialbehörde darauf hingewiesen, dass die bestehende Finanzierung nicht ausreicht, um die Arbeit der Landesstelle dauerhaft auskömmlich zu finanzieren. Statt einer finanziellen Stabilisierung folgt nun das Ende der institutionellen Förderung.

    Ohne Geschäftsstelle fehlt der unabhängigen Interessenvertretung die Grundlage

    Bislang erhält die HLS jährlich 49.500 Euro institutionelle Förderung. Für eine auskömmliche Finanzierung wären nach Berechnungen der Landesstelle rund 70.000 Euro erforderlich. Mit dem Wegfall der Förderung entfallen die hauptamtliche Geschäftsstelle nebst Geschäftsführung mit 20 Wochenstunden sowie weitere 7,5 Wochenstunden für Verwaltung.

    Die HLS  wird damit faktisch auf ihre ehrenamtlichen Vereinsstrukturen zurückgeworfen.

    „Eine Interessenvertretung von 38 Organisationen kann nicht dauerhaft nebenbei geleistet werden. Ohne ausreichende hauptamtliche Ressourcen besteht die Gefahr, dass eine über Jahrzehnte  gewachsene fachpolitischen Stimme an Einfluss verliert“, erklärt Bianca Kunze, Vorsitzende der Hamburgischen Landesstelle für Suchtfragen. „Gerade in der Suchtpolitik braucht Hamburg  eine starke Interessenvertretung, die unterschiedliche Perspektiven zusammenführt, fachliche  Position entwickelt und diese gegenüber Politik und Verwaltung selbstbewusst vertritt – auch dann, wenn es unbequem wird.“

    Die geplante Übertragung von Aufgaben auf die Sucht.Hamburg gGmbH kann diese Funktion nach Auffassung der HLS nicht ersetzen. Zwar ist Sucht.Hamburg eine hundertprozentige Tochtergesellschaft der HLS. Als operative Fachgesellschaft erfüllt sie jedoch eine andere Funktion als ein unabhängiger, mitgliedschaftlich organisierter Interessenverband.

    Mehr als Verwaltung: Fachforen, Vernetzung und gemeinsame Positionen

    Was auf dem Spiel steht, zeigt ein Blick auf die konkrete Arbeit der Landesstelle. Unter ihrem Dach kommen regelmäßig Fachkräfte und Träger im Fachforum Sucht sowie in spezialisierten Arbeitskreisen und Qualitätszirkeln zusammen. Die HLS schafft Räume, in denen fachliche Entwicklungen diskutiert, unterschiedliche Positionen moderiert und gemeinsame Anliegen der Hamburger Suchthilfe entwickelt werden.

    Hinzu kommen die Information von Politik und Öffentlichkeit, Stellungnahmen zu suchtpolitischen Fragen, die Begleitung von Projekten und Veranstaltungen sowie die Vertretung der Suchthilfe in weiteren fachlichen Zusammenhängen.

    Diese Arbeit lebt nicht allein von einzelnen Projekten. Sie braucht eine kontinuierlich erreichbare Geschäftsstelle, institutionelles Wissen und vor allem die Freiheit, Themen unabhängig von einzelnen Förderaufträgen zu setzen.

    „Die Landesstelle ist keine Ansammlung von Aufgaben, die sich beliebig verschieben lassen“, sagt Sarah Kessler, Geschäftsführerin der HLS. „Ihre eigentliche Stärke entsteht daraus, dass sie unabhängig vernetzt, moderiert und Position bezieht. Wenn dafür keine u.a. personellen Ressourcen mehr vorhanden sind, bleibt der Verein zwar formal bestehen – seine Möglichkeiten, die Interessen der Hamburger Suchthilfe wirksam zu vertreten, werden aber massiv eingeschränkt.“

    Ausgerechnet jetzt die unabhängige Struktur schwächen?

    Die Entscheidung fällt in eine Zeit, in der sich die Hamburger Suchthilfe mit komplexen Herausforderungen auseinandersetzen muss: steigende Prävalenzen von psychischen Störungen, insbesondere Abhängigkeitserkrankungen, sich stark verändernde Konsummuster und Substanzen bis hin zu den Formen der Verhaltenssucht wie Computerspiel- oder Social-Media-Nutzungsstörung.

    Gerade unter diesen Bedingungen braucht Hamburg nach Auffassung der HLS eine starke, trägerübergreifende und unabhängige fachpolitische Instanz. Die Interessen von Suchthilfe, Selbsthilfe und Prävention müssen gebündelt werden können – auch und gerade dann, wenn ihre fachlichen Einschätzungen nicht mit den Positionen der Verwaltung übereinstimmen.

    Die HLS sieht durchaus Chancen darin, künftig  noch unabhängiger von der Sozialbehörde agieren zu können. Unabhängigkeit ohne Ressourcen bleibt aber theoretisch. Eine professionelle Interessenvertretung allein aus Mitgliedsbeiträgen und ehrenamtlicher Arbeit auf dem bisherigen Niveau fortzuführen, ist sehr schwer realisierbar.

    Hinzu kommt: Der seit 2024 laufende Prozess hat bereits erhebliche Kapazitäten gebunden. Statt diese Ressourcen für fachliche Arbeit, Vernetzung und die Weiterentwicklung der Hamburger Suchthilfe einsetzen zu können, musste sich die Geschäftsstelle und der Vorstand über Monate mit Verhandlungen, Anträgen und der organisatorischen Zukunft der eigenen Struktur beschäftigen.

    „Bürokratie darf fachliche Arbeit nicht auffressen“, so Kessler. „Wir haben diesen Prozess konstruktiv begleitet. Jetzt müssen wir feststellen, dass an seinem Ende ausgerechnet die Struktur geschwächt wird, die seit Jahrzehnten dafür sorgt, dass die vielfältigen Stimmen der Hamburger Suchthilfe gemeinsam Gehör finden.“

    Die HLS wird ihre Arbeit als Interessenverband fortsetzen. Wie dies nach dem Wegfall der institutionellen Förderung personell und organisatorisch möglich sein wird, ist derzeit offen.

    Pressekontakt für Rückfragen:

    Vorstandsvorsitzende Bianca Kunze, 0176 13068841 oder bianca.kunze@jhj.de

  • Aktionswoche Alkohol 2026: Sucht und Demokratie in Krisenzeiten

    Aktionswoche Alkohol 2026: Sucht und Demokratie in Krisenzeiten

    Der Countdown läuft – am 13. Juni startet die Aktionswoche Alkohol 2026

    Die Aktionswoche Alkohol geht 2026 in ihre zehnte Runde. Bundesweit machen Einrichtungen, Kommunen und Initiativen auf die Risiken von Alkohol aufmerksam, informieren über Hilfsangebote und laden zum Gespräch ein. In Hamburg setzt die Hamburgische Landesstelle für Suchtfragen (HLS) die Jubiläumsausgabe unter einen besonderen Schwerpunkt: „Sucht und Demokratie in Krisenzeiten“.

    Die Aktionswoche Alkohol Hamburg möchte genau darüber ins Gespräch kommen: Wie wirken gesellschaftliche Krisen auf unser individuelles Verhalten? Warum greifen Menschen in belastenden Zeiten häufiger zu Alkohol? Und was braucht es, um Resilienz, gesellschaftlichen Zusammenhalt und demokratische Gesprächskultur zu stärken?
    Im Mittelpunkt steht die Auftaktveranstaltung am 13. Juni 2026 im Café Rosa in den Zeisehallen. Unter dem Titel „Sucht und Demokratie in Krisenzeiten“ verbindet die Veranstaltung wissenschaftliche Einordnung, politische Bildung, Kultur und Prävention. Besucher*innen erwartet ein offener Nachmittag mit Diskussionen, Musik, Informationsständen und einer alkoholfreien Bar.

    Um 14 Uhr diskutieren die Journalistin und Autorin Gilda Sahebi, die Podcasterin und Vorsitzende von Recovery Deutschland e.V. Mika Döring sowie Christiane Lieb, Soziologin und Geschäftsführerin von Sucht.Hamburg, über die Frage, wie gesellschaftliche Krisen, psychische Belastung und Sucht zusammenhängen. Dabei geht es auch um die Rolle sozialer Medien, um politische Polarisierung, Leistungsdruck und die gesellschaftliche Akzeptanz von Alkohol.

    Begleitet wird die Veranstaltung von Livemusik der Musikerin Valerie Vonn, einer alkoholfreien Bar sowie einem „Markt der Perspektiven“, auf dem Hamburger Einrichtungen aus Suchthilfe und Prävention ihre Arbeit vorstellen.

    Ein weiterer Schwerpunkt ist die Kooperation mit dem Zeise Kino. Dort zeigt die HLS im Rahmen der Aktionswoche den Film „Im Rausch“ von Regisseur Mark Schlichter. Im Mittelpunkt steht die Journalistin Katja, die unter beruflichem Druck zunehmend die Kontrolle über ihren Alkoholkonsum verliert. Der Film erzählt mit großer Nähe von Leistungsansprüchen, Erschöpfung und den fließenden Übergängen zwischen gesellschaftlich akzeptiertem Konsum und Abhängigkeit. „Im Rausch“ greift damit zentrale Fragen der Aktionswoche auf: Wie gehen Menschen mit Überforderung um? Und warum bleiben problematische Muster oft lange unsichtbar? Im Anschluss an die Vorführung findet ein Filmgespräch mit Regisseur Mark Schlichter statt.
    Good to know: Bei der Auftaktveranstaltung im Café Rosa werden Freikarten für die Filmvorführung im Zeise Kino verlost.
    Ergänzt wird das Programm durch zahlreiche Beiträge von Mitgliedseinrichtungen der HLS in Hamburg. Dazu gehören Fachvorträge, Informationsstände, mehrsprachige Gesprächsangebote oder alkoholfreie Cocktailabende.

    Die Aktionswoche Alkohol 2026 versteht sich damit als fachliches und gesellschaftliches Forum zugleich. Sie verbindet Suchtprävention mit der Frage, wie Gesellschaften mit Dauerbelastung umgehen – und welche Strukturen notwendig sind, damit Hilfe nicht vom Zufall abhängt, sondern erreichbar bleibt.

    Weitere Informationen zum ganzen Programm finden Sie hier.

  • Stellungnahme von Sucht.Hamburg: Keine Rückkehr zu „Christiane F.“

    Stellungnahme von Sucht.Hamburg: Keine Rückkehr zu „Christiane F.“

    Keine belastbaren Hinweise auf steigenden Heroinkonsum unter Jugendlichen

    Medienberichte über einen angeblich alarmierenden Drogenkonsum Jugendlicher nach der Cannabislegalisierung sorgen aktuell für Verunsicherung. SUCHT.HAMBURG, das Institut für interdisziplinäre Sucht- und Drogenforschung (ISD) sowie das Institut für Suchtforschung Frankfurt am Main (ISFF) haben gemeinsam eine Stellungnahme veröffentlicht, in der sie die Behauptungen kritisch einordnen und auf die derzeitige Datenlage verweisen.

  • Wahlprüfsteine der HLS im Rahmen der Bürgerschaftswahl 2025

    Wahlprüfsteine der HLS im Rahmen der Bürgerschaftswahl 2025

    Im Rahmen der Bürgerschaftswahlen 2025 hat die Hamburgische Landesstelle für Suchtfragen Wahlprüfsteine an die demokratischen Parteien der Bürgerschaft gesendet. Hier finden Sie die Antworten:

  • Hörempfehlung: Fentanyl in Deutschland

    Hörempfehlung: Fentanyl in Deutschland

    In einem aktuellen Beitrag von Deutschlandfunk Kultur wird die Zunahme von Fentanyl in Heroin in Deutschland thematisiert. Die Hamburger Kontakt- und Beratungsstelle für Drogenabhängige mit integriertem Konsumraum „Stay Alive“ ist Teil des RaFT-Projekts (Rapid Fentanyl Tests in Drogenkonsumräumen), das sich mit den Risiken dieser Entwicklung auseinandersetzt. Das RaFT-Projekt, ein vom Bundesministerium für Gesundheit gefördertes Modellprojekt, testete in 17 Drogenkonsumräumen Heroinproben auf Fentanyl-Beimengungen, um die Verbreitung zu erfassen und Präventionsmaßnahmen zu entwickeln. Die Beimischung von Fentanyl macht Heroin gefährlicher und erhöht das Risiko von Überdosierungen. Der Artikel beleuchtet auch die Hintergründe, die zu dieser Situation geführt haben, einschließlich der Auswirkungen des Mohnanbauverbots durch die Taliban in Afghanistan.

  • Eine fachliche Kommentierung der von der Sozialbehörde geplanten Maßnahmen rund um den Hauptbahnhof

    Eine fachliche Kommentierung der von der Sozialbehörde geplanten Maßnahmen rund um den Hauptbahnhof

    Am Mittwoch, 21. Februar 2024 haben die Sozialsenatorin Melanie Schlotzhauer und der Leiter des Bezirksamts Mitte, Ralf Neubauer (beide SPD) ein Maßnahmenpaket verkündet, mit dem die Situation am Hamburger Hauptbahnhof verbessert werden soll. Die Pressemitteilung ist hier zu lesen.

    Die Hamburgische Landesstelle für Suchtfragen hat den Prozess beratend begleitet. Im folgenden Dokument möchten wir unsere fachliche Kommentierung zu den geplanten Maßnahmen teilen:

  • Zum Internationalen Tag gegen patriarchale Gewalt: „Eine spezifische Zielgruppe braucht spezifische Angebote“

    Zum Internationalen Tag gegen patriarchale Gewalt: „Eine spezifische Zielgruppe braucht spezifische Angebote“

    Anlässlich des Internationalen Tages gegen patriarchale Gewalt macht die Hamburgische Landesstelle für Suchtfragen (HLS e.V.)  gemeinsam mit Frauenperspektiven e.V. auf die mangelnde Berücksichtigung traumatisierter Frauen im Suchthilfesystem aufmerksam.

    Jeden Tag versucht in Deutschland ein Mann, seine (Ex-)Partnerin zu töten, jeden dritten Tag gelingt es ihm. Doch die Tötungsdelikte sind dabei nur die Spitze des Eisbergs. 240.547 Menschen waren im Jahr 2022 von Gewalt im häuslichen Umfeld betroffen, davon 71,1 Prozent Frauen (Quelle: BKA 2023). Wie tief dieser Eisberg ist, bleibt unklar, da die Statistik nur angezeigte Gewalttaten erfasst. Fest steht, dass Frauen aufgrund ihres Geschlechts häufiger durch Partnerschaftsgewalt und sexuellen Missbrauch traumatisiert werden als Männer.

    Die Symptome von Traumafolgestörungen werden von Betroffenen im Sinne einer Selbstmedikation sehr häufig mit Alkohol, Medikamenten oder anderen Substanzen mit Suchtpotential reguliert. Um den Betroffenen andere Perspektiven aufzuzeigen und damit ein suchtmittelfreies Leben zu ermöglichen, gibt es frauenspezifische Angebote in Hamburg wie die Beratungsstelle Frauenperspektiven für erwachsene Frauen und Kajal-Frauenperspektiven für junge Frauen und Mädchen. Sie bieten Frauen mit Suchtmittelkonsum und Gewalterfahrungen einen wichtigen Schutzraum.

    Wie wichtig frauenspezifische Angebote sind, zeigen auch die Zahlen der Hamburger Basisdatendokumentation (BADO), einem Monitoringsystem der Hamburger Sucht- und Drogenhilfe in Kooperation mit der Sozialbehörde. Der BADO-Statusbericht 2021 fokussiert auf psychische Belastungen in der Suchthilfe. Hier zeigen sich deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede, wobei weibliche Abhängigkeitserkrankte stärker belastet sind: Bei Betreuungsbeginn in der Beratungsstelle Frauenperspektiven leiden 81 Prozent der Klientinnen unter erheblichen oder extremen psychischen Belastungen und damit fast doppelt so viele wie in der Gesamtgruppe der Personen im Suchthilfesystem, da sind es 47 Prozent.

    Diese Belastungen gehen häufig mit mehreren komorbiden Störungen einher, die auch in der Beratung und den anschließenden Maßnahmen der Suchthilfe ein Mehr an Zeit, Vertrauen und Unterstützung erfordern. „Doch genau diese Unterstützung konnte Frauenperspektiven aufgrund der unpassenden Rahmenbedingungen nicht mehr uneingeschränkt gewährleisten“, so Antje Homann Fachliche Leitung der Ambulanten Therapie von Frauenperspektiven. Aus diesem Grund habe sich das Team entschlossen, die Ambulante Rehabilitation zum 31.12.2023 zu schließen.

    „Wir sind sehr traurig über diesen Schritt und haben im Team lange darüber diskutiert, ob wir ihn verhindern können. Letztlich sind wir aber zu dem Schluss gekommen, dass wir unter den gegebenen Rahmenbedingungen kein fachlich sauberes Angebot mehr gewährleisten können. Die kompetente Betreuung der Klientinnen, aber auch die Gesundheit unserer Mitarbeiterinnen haben Vorrang“, erklärt Homann.

    Die bestehenden Rahmenbedingungen, die Homann anspricht, werden von den Zuwendungsgebern und Leistungsträgern bestimmt. Hier wird es kurz kompliziert: Ambulante Rehabilitation ist eine therapeutische Maßnahme. Therapeutische Maßnahmen werden grundsätzlich von der Rentenversicherung oder den Krankenkassen finanziert. Darüber hinaus beteiligt sich die Hamburger Sozialbehörde im Rahmen einer Sockelfinanzierung. Damit das Angebot förderfähig ist, müssen Rahmenbedingungen erfüllt sein. Diese Rahmenbedingungen wurden zwischen den Leistungsträgern und den Trägern der Suchthilfe verhandelt. Demnach müssen zum Beispiel im Rahmen der ambulanten Rehabilitation wöchentlich gruppentherapeutische Gespräche und ergänzend dazu alle zwei Wochen ein Einzelgespräch stattfinden. Die Gruppentherapie wird i.d.R. von einer Therapeutin durchgeführt, so sehen es die finanziellen Rahmenbedingungen vor.

    „Diese Rahmenbedingungen gelten für alle Träger, die in der ambulanten Suchtreha aktiv sind. Doch eine spezifische Zielgruppe, wie die der traumatisierten Frauen, braucht auch spezifische Angebote“, erklärt Susanne Herschelmann, Leiterin von Kajal-Frauenperspektiven.

    „Traumatisierte Menschen weisen andere Symptome auf“, erklärt Herschelmann weiter, „die Psychotherapeut*innenkammer hat eine klare Empfehlung ausgesprochen, dass Gruppen, an denen auch traumatisierte Menschen teilnehmen, von mindestens zwei Therapeut*innen geleitet werden sollen“. Das liege einerseits an dissoziativen Symptomen einzelner Teilnehmer*innen, die auch mal spontan den Übergang aus der Gruppe in ein Einzelgespräch erfordern, andererseits wolle man mit dieser Empfehlung auch die eigenen Mitarbeiter*innen schützen. „Wir haben eine klare feministische Ausrichtung in unserer Arbeit. Das bedeutet für uns auch, der Selbstausbeutung von Therapeut*innen entgegenzuwirken“, ergänzt Nadja Borlinghaus, Leitung der Suchtberatung Frauenperspektiven.

    Es ist also wichtig, auch in Hamburg Rahmenbedingungen für therapeutische Maßnahmen zu schaffen, die auf die Bedürfnisse traumatisierter Frauen abgestimmt sind. In anderen Regionen stehen zwar einzelne stationäre frauenspezifische Angebote in Einrichtungen zur Verfügung, doch am Ende bleibt das ernüchternde Fazit: Traumatisierte Frauen sind doppelt diskriminiert. Zum einen sind sie aufgrund ihres Geschlechts deutlich stärker von Gewalterfahrungen bedroht, zum anderen werden ihre Bedürfnisse im Suchthilfesystem in Norddeutschland nicht ausreichend berücksichtigt. Angesichts der nach wie vor hohen Zahlen patriarchaler Gewalt ein fatales Signal.

  • Suchtberatung chronisch unterfinanziert: Aktionstag ruft zur Unterstützung auf

    Suchtberatung chronisch unterfinanziert: Aktionstag ruft zur Unterstützung auf

    Rund 30 Prozent der erwachsenen Deutschen haben bereits Erfahrungen mit illegalen Drogen gemacht, etwa 8,2 Millionen Deutsche sind von Abhängigkeitserkrankungen betroffen – doch das Bewusstsein für dieses drängende Thema ist gering.

    Die Suchthilfe in Deutschland sieht sich mit akutem Stellenabbau, unsicheren Finanzierungsbedingungen, zunehmendem Fachkräftemangel und gleichzeitig steigendem Beratungsbedarf in der Allgemeinbevölkerung konfrontiert. Diese Herausforderungen werden durch politische Kürzungen verschärft und senden ein fatales Signal an die Betroffenen: Abhängigkeitserkrankungen, die ohnehin zu den stark stigmatisierten psychischen Erkrankungen gehören, scheinen nicht den Stellenwert zu haben, der notwendig ist, um ihnen angemessen vorzubeugen und sie zu behandeln.

    Am morgigen 9. November findet der bundesweite Aktionstag „Suchtkrankenhilfe – kommunal wertvoll“ statt, der von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) organisiert wird und unter der Schirmherrschaft des Beauftragten der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen, Burkhard Blienert, steht. Im Mittelpunkt stehen die rund 1.300 Suchtberatungsstellen, die jährlich über eine halbe Million Abhängigkeitserkrankte und ihre Angehörigen beraten, begleiten, unterstützen und stabilisieren.

    Die Notwendigkeit dieser Einrichtungen ist angesichts dieser Zahlen offensichtlich, doch die Suchthilfe kämpfte Jahr für Jahr um dringend benötigte finanzielle Mittel. So musste auch die Suchthilfe in Hamburg in den letzten zehn Jahren einen spürbaren Stellenabbau hinnehmen und die steigenden Energiekosten machen die ohnehin unzureichende Finanzierung der Suchtberatungsstellen noch unsicherer. In der Folge müssen viele Betroffene und ihre Angehörigen trotz erheblichen Leidensdrucks zum Teil wochen- bis monatelange Wartezeiten für einen ersten Beratungstermin in Kauf nehmen.

    Dabei ist ein bedingungsloser Zugang zu den Angeboten entscheidend, um sicherzustellen, dass Betroffene und ihre Angehörigen unabhängig von sozialen oder wirtschaftlichen Faktoren Unterstützung erhalten. „In erster Linie geht es um die Gesundheit der Betroffenen, Sucht wird gesellschaftlich immer noch nicht als die Krankheit wahrgenommen, die sie ist, sondern häufig mit persönlichem Versagen in Verbindung gebracht. Dabei kann Sucht jede*n treffen – unabhängig der sozialen Schicht“, sagt Sarah Kessler, Geschäftsführerin der Hamburgischen Landesstelle für Suchtfragen (HLS e.V.). „Aber auch volkswirtschaftlich ist die Suchthilfe von enormer Bedeutung. Eine aktuelle Studie des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit zeigt, dass die durch die Suchtberatung eingesparten gesellschaftlichen Kosten die aufgewendeten Mittel um mehr als das Zehnfache übersteigen. Dies unterstreicht die hohe Wirkungsmacht der Suchtberatungsstellen.“ Dennoch sind die Einrichtungen mit erheblichen finanziellen Unsicherheiten konfrontiert.

    Die Herausforderungen sind enorm. Die Unterfinanzierung der Suchtberatung hat bereits gravierende Folgen: Neben zum Teil langen Wartezeiten kann nicht jede*r die Angebote nutzen.

    „Wir brauchen Lösungen für Menschen, die nicht krankenversichert sind und deshalb bisher keinen Anspruch auf Entgiftung, Maßnahmen der Eingliederungshilfe, also zum Beispiel tagesstrukturierende Angebote, ambulante Betreuung oder Übergangseinrichtungen haben“, ergänzt Kessler. Entscheidend sei auch die Kontinuität der Angebote, die sicherstellt, dass Betroffene und Angehörige während des gesamten Behandlungsverlaufs unterstützt werden. Um dies zu ermöglichen, sei vor allem eine ausreichende Finanzierungssicherheit notwendig.

    „Die Hamburgische Landesstelle für Suchtfragen setzt sich aktiv für eine angemessene Finanzierung der Suchtberatung ein und lädt die Politik zu einem offenen sozialpolitischen Diskussionsprozess ein, um gemeinsam Lösungen für gesetzliche Regelungen zu finden“, so Kessler.

    Die Bedeutung der Suchtberatungsstellen für die Gesellschaft und die Betroffenen und ihre Angehörigen  ist unbestritten und es ist höchste Zeit, die Finanzierung dieser Einrichtungen auf eine solide Basis zu stellen, damit sie auch in Zukunft effektiv und nachhaltig arbeiten können.

    Kontakt

    Bei weiterführenden Fragen wenden Sie sich gerne an:

    Sarah Kessler
    Geschäftsführerin
    Hamburgische Landesstelle für Suchtfragen

    Tel.: 0151-50721383
    E-Mail: sarah.kessler@landesstelle-hamburg.de

  • Suchtberatung in Deutschland: Eckpunktepapier der DHS fordert dringende Finanzierungslösungen

    Suchtberatung in Deutschland: Eckpunktepapier der DHS fordert dringende Finanzierungslösungen

    Jährlich suchen mehr als eine halbe Million Suchtkranke und ihre Angehörigen Hilfe in rund 1.400 Suchtberatungsstellen. Diese Einrichtungen sind unverzichtbare Anlaufstellen, doch trotz ihrer zentralen Bedeutung leiden die Suchtberatungsstellen seit Jahrzehnten unter einer chronischen Unterfinanzierung, die sich angesichts der wirtschaftlichen Herausforderungen noch verschärft.

    Dieses Problem greift die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) mit ihrem Eckpunktepapier auf. Sie will damit eine breite Diskussion über gesetzliche Maßnahmen zur Sicherung der Suchtberatung anstoßen. Als Hamburgische Landesstelle für Suchtfragen unterstützen wir das Eckpunktepapier.

  • Sarah Kessler übernimmt die Geschäftsführung der Hamburgischen Landesstelle für Suchtfragen

    Sarah Kessler übernimmt die Geschäftsführung der Hamburgischen Landesstelle für Suchtfragen

    Wechsel in ihrer Führung bei der Hamburgischen Landesstelle für Suchtfragen (HLS): Nach einer erfolgreichen Amtszeit von Tanja Adriany, die die HLS seit Januar 2022 geleitet hat, tritt nun Sarah Kessler als neue Geschäftsführerin in ihre Fußstapfen.

    Tanja Adriany hat während ihrer Amtszeit eine tragende Rolle bei der Weiterentwicklung der HLS gespielt. Ihre langjährige Erfahrung in der Suchthilfe brachte wertvolle Einblicke in die Bedürfnisse der Betroffenen und die Anforderungen an die unterstützenden Einrichtungen. Ihre Aufgaben übernimmt nun Sarah Kessler.

    Die HLS fungiert als Dachorganisation für mehr als 40 Einrichtungen und Institutionen der Suchthilfe in Hamburg. Sie koordiniert die strategische Ausrichtung und politische Vertretung dieser Organisationen. Mit dem Wechsel an der Spitze der HLS eröffnen sich neue Perspektiven.

    Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin Sarah Kessler legt den Fokus auf die strategische und politische Ausrichtung der HLS. Zuvor begleitete sie einen der größten deutschen Kreisverbände von Bündnis 90/die Grünen in Münster als Vorstandsmitglied. Nach ihrem Studium der Politik- und Rechtswissenschaften, wurde Kessler Teil der Redaktion des Emotion Magazin. Nun kehrt die 29-Jährige wieder näher zur Politik zurück. Seit dem 15. August verstärkt sie die HLS als Geschäftsführerin. „Ich freue mich darauf, das Bewusstsein für das Thema Sucht und Abhängigkeitserkrankungen als eine der häufigsten psychischen Erkrankungen in der Öffentlichkeit zu stärken. Gerade in Zeiten, in denen unsere Demokratie von extrem rechten Gruppierungen bedroht wird, ist es besonders wichtig, die Bedürfnisse marginalisierter Gruppen im Blick zu behalten. In meinem Fall sind das die Bedürfnisse von Menschen, die Suchtmittel nutzen bzw. von Abhängigkeitserkrankungen betroffen sind und die in unserer Gesellschaft mit vielen Vorurteilen konfrontiert sind“, so Kessler.

    Die HLS wird unter der neuen Geschäftsführerin die politische Kommunikation der Suchthilfe in Hamburg weiterführen. Suchtmittelkonsum und Abhängigkeitserkrankungen sind sensible Themen, die sowohl von Vorurteilen in der Gesellschaft als auch von Schamgefühlen bei den Betroffenen begleitet werden. Kessler wird die Schnittstelle zwischen den Mitgliedsorganisationen der HLS und insbesondere der Politik bilden, um eine effektive und nachhaltige Suchtpolitik zu fördern, die den Bedarfen der Betroffenen und deren Angehöriger gerecht wird.

    „Hierbei setze ich auf einen konstruktiven demokratisch-überparteilichen Austausch. Denn nur wenn wir uns zusammenschließen und für die gleichen Werte einstehen, können wir wirklich etwas bewegen“, sagt Kessler.

    Die HLS hat sich unter Tanja Adriany bereits als wichtige Stimme in der Diskussion um Suchtpolitik etabliert. Mit Sarah Kessler an der Spitze wird sie diese Rolle weiter stärken und sich aktiv in die politische Debatte einbringen.